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wurden von diesen tliatsächlich Vater und Mutter nannt und mit dem achtungsvollen Ihr angeredet , selbst wenn sie jünger waren als die Knechte und Mägde . Die alten Bauersleute verdienten aber auch die Ehrennamen Vater und Mutter , denn sie vertraten meist deren Stelle . Wie der Bauer mit seinem Gesinde arbeitete , so wohnte er mit ihm in derselben Stube und ass mit ihm — wenigstens der kleine Bauer — an demselben Tische und aus selben Schüssel . Nur grössere Bauern , die einen grösseren Kreis von Gesinde halten mussten , assen mit ihren Kindern an einem besonderen Tische , aber immer in der grossen Gesindestube ; in das Nebenstiibchen ging man nur , wenn Besuch kam ; vornehmer Besuch , besonders aus der Stadt , wurde wohl auch im Oberstübchen bewirtet . Vor und nach Tische sprach die ganze Familie — Vater , Mutter , Kinder und Dienstboten — das Tischgebet , und nach dem Abendessen betete man dann ebenso gemeinschaftlich das Abendgebet ; in katholischen Gegenden wenigstens geschah dies meistens und ist wohl auch jetzt noch vielfach üblich . Ich kannte einen Bauern , der etwa 400 Morgen sein eigen nannte , einen Mann von altem Schrot und Korn , der in der karierten kurzen Baumwollenjacke den ganzen Tag unter seinen Leuten weilte , gelegentlich auch selbst tüchtig zugriff und des Abends mit seinen Leuten zu den an den Wänden entlang laufenden Bänken kniete und als beter das Abendgebet sprach . So bildete sich naturgemäss ein Gefühl der Familien - Zusammengehörigkeit , das sich auch bei andern Anlässen zeigte , besonders wenn die Eltern der Dienstboten weit entfernt wohnten .
Auf Gutshöfen kann eine solche Familiengemeinschaft selbstverständlich nicht entstehen , besonders da ein Teil der Dienstleute , wie der Schaffer , der Schäfer , der mann , der Wächter und manche Knechte verheiratet sind . Diese verheirateten Dienstleute und ihre Frauen werden vom Gutsherrn und seinen Beamten im deutschen Schlesien gewöhnlich mit Ihr angeredet , im polnischen Oberschlesien