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bekannt ist , nur das Mass von Diensten , das ihnen kommt . Sehr drastisch äusserte sich darüber vor kurzem ein Glatzer Bauer : „ Heute is der Herr der Knecht , 011 der Knecht der Herr . Wos'm ni posst , macht a ni , on sät ( sagt ) ma wos , läft a dervô ( davon ) . Wo wier ( würde ) heute a Mäd met der Rodber noch Groase fohrn ! Nê , dient muss dos Freilein wân ( werden ) . " An diesen lungen trägt nicht allein die moderne Gesetzgebung , und besonders das Gesetz über die Freizügigkeit die Schuld , wie man Landwirte vielfach behaupten hört , sondern auch der Geist der Vornehmheit , der in die Bauern gefahren ist und sie den Dienstboten entfremdet hat .
Patriarchalisch war und ist bis auf den heutigen Tag noch grösstenteils das Verhältnis der Gemeindemitglieder untereinander . Wo die Gemeinde nicht zu gross ist , den die Insassen eine Art Familie , die am Wohl und Wehe des Einzelnen Anteil nimmt . Das zeigt sich bei Unglücksfällen , z . B . Feuersbrünsten , besonders aber wenn ein Dorfbewohner stirbt . In langem Zuge begleiten sie ihn zu Grabe , wenn nicht gerade wichtige Arbeiten , wie die Saat und die Ernte , viele zurückhalten . Als ein äusseres Zeichen dieser Gemeinde - Familie kann es sehen werden , dass sich Alters - und Schulgenossen beiderlei Geschlechts , gleichviel welchem Stande sie angehören , mit Du anreden , während man Fremde , wenn sie Bauersleute sind , mit Ihr , wenn sie vornehmer aussehen , mit Sie redet . Zugezogene Wirte verdienen sich das familiäre Du der Gemeindemitglieder allmählich . Charakteristisch für das Verhältnis der Dorfinsassen zu einander ist sonders die Achtung , welche die Jungen den Alten gegenbringen . So ist es wohl überall Sitte , dass Kinder und überhaupt jüngere Personen ledigen Standes alle älteren Leute und ganz besonders verheiratete mit Ihr anreden und , wenn sie nicht als unhöflich gelten wollen , grüssen , obwohl sie dieselben vielleicht nicht näher kennen . Eheleute gelten für jüngere Unverheiratete