Full text: Die Eisjungfrau

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für das Flußbett und die schmale Fahrstrahe hat. Ein alter Turm 
steht hier als Schildwache vor dem Kanton Wallis, der hier endet, 
und schaut über die gemauerte Brücke hinüber nach dem Zollhause 
auf der andern Seite, dort beginnt der Kanton Waadt, und die 
nächste, nicht weit entfernte Stadt ist Bex. Hier nun bei jedem 
Schritte schwillt alles in Fülle und Uppigkeit, man befindet sich 
wie in einem Garten von Kastanien und Walnußbäumen, hier und 
dort blicken Zypressen und Granatblüten hervor; es ist hier südlich 
warm, als wäre man nach Italien gekommen. 
Rudy langte in Bex an und besorgte, was er dort auszurichten 
hatte, und sah sich um in der Stadt, aber nicht einen Müllerburschen, 
geschweige denn die Babette, bekam er zu Gesicht. Das war nicht 
wie es sein sollte. 
Es wurde Abend, die Luft war erfüllt mit dem Dufte des 
wilden Thymians und der blühenden Linde, um die waldesgrünen 
Berge lag gleichsam ein schimmernder, luftblauer Schleier; es 
herrschte weit und breit eine Stille, nicht die des Schlafes oder 
des Todes, nein, es war, als hielte die ganze Natur den Atem 
an, als fühle sie sich hingestellt, damit ihr Bild auf den blauen 
Himmelsgrund photographiert werde. Hier und da zwischen den 
Bäumen auf dem grünen Felde standen Stangen, die den Tele—⸗ 
graphendraht, der durch das stille Tal geführt ist, stützten; an einer 
dieser lehnte ein Gegenstand, so unbeweglich, daß man ihn für einen 
Baumstamm hätte halten können: es war Rudy, der hier ebenso 
still dastand wie in diesem Augenblicke die ganze Umgebung; er 
schlief nicht, noch weniger war er tot, aber wie oft große Welt⸗ 
begebenheiten durch den Telegraphendraht fliegen — Lebens⸗ 
momente von Bedeutung für den einzelnen, ohne daß der Draht 
durch Zittern oder durch einen Laut darauf hindeutet, so durch⸗ 
zitterten Rudy mächtige, überwältigende Gedanken: das Glück 
seines Lebens, sein von nun an beständiger Gedanke. Seine Augen 
hefteten sich auf einen Punkt, ein Licht, das zwischen dem Laub⸗ 
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