Full text: Newspaper volume (1926, Bd. 4)

Autamobîtwiinsche 
für das Jahr 1927. 
Wieder liegt ein Automobiljahr hinter uns, 
ein Jahr reich an Erfolgen, Mühen, Triumphen 
und enttäuschten Hoffnungen. Im großen und 
ganzen aber ist die Bilanz des Jaşşes, dessen 
Wechsel wir in wenigen Tagen erleben, nicht ge 
rade ungünstig, und der hoffnungsvollen Momente 
gibt es doch mehr als der, die zu pessimistischer 
Zukunftsbetrachtung Veranlassung geben könnten. 
Bon dem kommenden Jahre erhoffen wir uns 
in erster Linie die Schaffung eines neuen Steuer 
gesetzes, das einmal den Gedanken, daß das Auto 
mobil längst aufgehört hat, ein Gegenstand des 
Luxus zu sein, sondern zu den lebenswichtigen 
Dingen moderner Wirtschaftsführung gehört, 
Rechnung trägt, zum anderen aber auch die deut 
sche Automobil-Industrie frei macht von der Fessel 
veralteter Konstruktionsbeschränrungen. 
Mit dieser Forderung Hand in Hand geht der 
Wunsch, die verheißungsvollen Anfänge, die uns 
die letzte deutsche Automobil-Ausstellung zeigte, zu 
machtvollem Wachstum entfaltet zu sehen und auf 
der zu schaffenden gerechteren und entwicklungs 
förderlichen Steuerformel den modernen Ee- 
brauchswagen zu preiswerten Bedingungen allge 
meinen Eingang zu verschaffen. 
Außerordentlich wichtig ist auch, daß es der 
deutschen Handelspolitik gelingt, die Zollmauern, 
die sich der Einfuhr deutscher Automobile und 
Motorräder aufgrund des Versailler Vertrages 
entgegenstellen, einzureihen und an ihre Stelle 
Bedingungen zu setzen, die die deutsche Kraftfahr 
zeug-Industrie konkurrenzfähig gestalten. Der 
Abschluß dieser Handelsverträge hat nicht nur für 
die produzierende Industrie allerhöchste Bedeu 
tung, sondern auch für den Jnlandskonsum, denn 
erst auf der Grundlage gesteigerter Produktion 
läßt sich die Forderung des Tages: Rationelle 
Erzeugung verwirklichen. 
Soweit die automobilwirtschaftlichen Hoff 
nungen für 1927. Was die automoüilsportlichs 
Seite betrifft, steht in erster Linie der Wunsch, 
daß uns das kommende Jahr die gleichen, oder 
gar noch größere Erfolge bescheren möge. Gerade 
in dieser Beziehung hat uns das zu Ende gehende 
Jahr auf das Angenehmste enttäuscht, und es ist 
nur zu wünschen, daß uns fein Nachfolger in dem 
gleichen Sinne überrascht. 
Die in der letzten Zeit eingetretene erfreuliche 
Befriedigung innerhalb des deutschen Automobil- 
und Motorradsports läßt die besten Hoffnungen 
zu, daß auch der deutsche Kraftfahrsport im näch 
sten Jahre Deutschland auf das Veste repräsen 
tieren wird. 
» * * 
Rückerstattung 
der Kraftfahrzeugsteuer. 
Bisher hatte bekanntlich der Besitzer eines 
Kraftfahrzeugs, das während der Gültigkeit der 
Die Frauen um Walter Sylt. 
Roman von Gusti Wciß-Schidlof. 
6) Nachdruck verboten. 
Das Sekretariat ist ein großer heller Raum, 
in dem sechs Damen arbeiten. Fremden ist der 
Eintritt streng untersagt. Fräulein Neufeld, die 
Vorsteherin, thront in einem abgeschlossenen Glas 
kasten, der sie vor -dem Maschinengcklapper schützt, 
sie jedoch trotzdem in die Lage versetzt, das halbe 
Dutzend junger Mädchen zu überwachen. 
Draußen lockt der feidne Frühling. Sehn 
süchtige Blicke gehen nach den Bäumen und dem 
silbernen Blau des Himmels. Wie schön, jetzt frei 
und ohne Pflichten durch den Tiergarten zu gehen 
oder im Grünewald zu spazieren. Es ist bitter, 
hier den ganzen Tag angefesselt zu sein. Die 
Sonne spaziert mit goldenen Füßen über die Re 
gale mit den vielen Ablegemappen (für Fremde 
unbedingt ehrfurchtgebietend), sie spiegelt sich in 
den Nickelteilen und dem schwarzen Lackanstrich 
der Schreibmaschinen und hellt den ernsten, dunk 
len Linoleumbelag des Fußbodens auf. 
Gertie Schröder seufzt, verliert sich in Gedan 
ken und kommt wieder zu sich. Zwanzig Seiten 
Stenogramm erlaufen kein Grübeln. 
„Mathildchen, mein Schatz, gib mir Durch 
schlagpapier, meins ist alle!" sagt Fräulein Schrö 
der zu ihrer Nachbarin, dem kleinen hübschen 
Fräulein Hilde Kroll, nachdem niemand vorhin 
auf ihren Ausruf reagiert hat. 
Fraulein Kroll sagt sehr erstaunt: „Aber 
Fräulein Schröder!", denn das Du ist ihr neu. 
Fräulein Schröder antwortet lachend: „Haben Sie 
sich nicht, Kleines!" und empfängt das Durch 
schlagpapier. 
„Meine Damern. hier ist wirklich keine Näh- 
stube!" spricht Fräulein Neufeld ernst und ver 
weisend und zieht geräuschvoll das offene Glas- 
fenster ihres Verfchlages zu. Fräulein Schröder 
zieht eine Grimasse und vertieft sich notgedrungen 
in ihre Arbeit. 
Es ist «ine Erlösung, daß man mittags auf 
«ine halbe Stunde das verhaßte Sekretariatszim- 
Mer verlassen und den intimen Freundinnen aus 
der Propagandaabteilung sein Herz ausschütten 
kann. 
Es sitzt sich nett im Eßraum. Viele weißge- 
deckte Tische, Blumen in Vasen, bunte Wände. 
Aber Gertie achtet nicht darauf, denn sie ist wü- 
»en-d. Sie äußert empört zu den Freundinnen: 
gelösten Steuerkarte außer Betrieb gesetzt wurde, 
keinerlei Anspruch auf Rückerstattung des nicht 
verbrauchten Steuerteils. 
Die zahlreichen Vorstöße, die im Laufe der 
Zeit von allen Seiten gegen die darin liegende 
Ungerechtigkeit gemacht wurden, haben nun end 
lich Erfolg gehabt, denn in einer am 10. Dezem 
ber in kraft getretenen Verordnung ist nämlich 
bestimmt worden, daß zuviel entrichtete Steuern 
zurückgezahlt werden und zwar nach folgender 
Maßgabe: 
Bei Steuerkarten auf ein Jahr: wenn das 
Fahrzeug bei der Zulaffungsbehörds abgemeldet 
worden ist: im 1.—2. Monat der Gültigkeitsdauer 
75 v. H., im 3.—4. Monat 57,5 v. H., im 5.—6. 
Monat 40 v. H., im 7.—8. Monat 27,5 v. H., im 
9.—10. Monat 15 v. H. 
Bei Steuerkarten auf 6 Monate: wenn das 
Fahrzeug bei der Zulassungsbehörde abgemeldet 
worden ist: im 1.—2. Monat der Gültigkeitsdauer 
68 v. H., im 3.-4. Monat 29 v. H. 
Damit ist ein nicht zu unterschätzender Erfolg 
erzielt worden, ist es doch jetzt den .Kraftwagen 
besitzern, die aus Gründen der schlechten Geschäfts 
lage oder größeren Reparaturen die Fahrzeuge 
außer Betrieb setzen müssen, möglich, wenigstens 
einen Teil der gegenstandslos gewordenen Steuer 
zurückzufordern. 
SprtzenVsrbmtde 
und Kraftfahrzeugstener. 
Die mit Spannung erwartete Sitzung der 
Vereinigung der Spitzenverbände des deutschen 
Kraftfahrwesens, dis 22 führende Verbände um 
faßt und die sich mit der geplanten Neuregelung 
der Kraftfahrzeugsteuer beschäftigte, zeitigte inso 
fern ein negatives Resultat, als man beschloß, zu 
nächst die Denkschrift abzuwarten, die der Reichs- 
verband der deutschen Automobilindustrie gegen 
wärtig ausarbeitet und die dem Reichsfinanzmi- 
nifterium vorgelegt werden soll. 
Dagegen wurde beschloßen, bereits fetzt beim 
Reichsfinanzministerium vorstellig zu werden, den 
Zuschlag zur Kraftfahrzeugsteuer,der an Stelle der 
Vorausleistungen für die Wegeunterhaltung in 
Höhe von 25 Proz. erhoben wird, nicht mehr zu 
erheben, da nach amtlicher Mitteilung das Auf 
kommen aus der Kraftfahrzeugsteuer in den ersten 
acht Monaten des Jahres den Voranschlag für das 
ganze Jahr weit hinter sich gelassen hat. 
* * * 
Kraflfahr^eugfterrer 
oder KetriebMofMener? 
Aus Kreisen der Betriebsstoffindustrie wird uns 
geschrieben: 
In den letzten Monaten ist die Frage einer Um 
gestaltung der jetzigen Kraftfahrzeugsteuer in eine an 
dere Steuerart, sei es in eine Reifensteurr, fei es in 
eine Betricbsstoffstener, erörtert worden, weil die 
jetzige Kraftfahrzeugsteller durch ihre Steuerformel un 
günstige Auswirkungen auf den Automobilbau und 
den AutomobilaÜfatz gehabt haben f«ll. Ein Umbau 
„Kinder, bei den langweiligen Tanten bleibe 
ich nicht lange. Das kann ich euch bloß sagen. Ein 
Gehabe ist das, nicht zum Aushalten." 
„Ich hab' dir's ja gleich gejagt, daß das Se 
kretariat viel zu vornehm für unfereinen ist!" be 
merkt mit überflüssig lauter Stimme und bemüht, 
ihren Worten einen möglichst hohnvollen Ausdruck 
zu geben, Fräulein Klara Gruhl, genannt Putti. 
Einige Damen des Sekretariats sitzen nämlich am 
Nebentifch, und es wäre jammerschade, wenn sie 
diese Feststellungen überhörten. 
„Für wen schreibst du denn jetzt?" erkundigte 
sich Dorchen Miszkowski. 
„Meistens für Sundhagen und ab und zu auch 
für das Ekel, den Stahn. Aber für -den vertippe 
ich mich zu oft." 
„Und w. S.?" Damit ist Walter Sylt ge 
meint. 
„Den kenne -ich noch gar nicht. Er hat sich bis 
jetzt noch nicht bei uns blicken laßen. Natürlich 
arbeitet fast nur Fräulein Neufeld für ihn. Was 
denkst du denn?" 
„Kinder, unser oberster Chef ist eigentlich rie 
sig schick. Mit dem möcht' ich mal ausgehen!" 
Putti imitiert einen verliebt«» Seufzer. „Schade, 
der Mann ist zu stark verheiratet." 
„Meinst du. daß du Chancen hättest, wenn 
er's nicht wäre?" fragte Dorchen etwas spitz. Sie 
sagt „Schangfen". Gertie Schröder lacht. 
„Laßt doch den armen Mann in Ruhe", meint 
sie würdevoll und nachsichtig. „Du bist zwar eine 
Schönheit, Putti, aber Walter soll ja ein Stock 
„Sch!" stoßt Dorchen leise und heftig hervor. 
„Wenn man vom Wolf spricht. . ." Walter Sylt 
ist soeben in Begleitung des Direktors Sundhrgen 
und eines fremden Herrn eingetreten. 
Verschiedene Angestellte versuchen, sich ange 
nehm bemerkbar zu machen. Zwei Herren aus der 
Buchhaltung, die am Büfett stehen, verneigen sich 
ehrfurchtsvoll. Fräulein Krott findet das blöd 
sinnig. Ein paar junge Damen zupfen verstohlen 
an Haarlöckchen und Blusen, und alle dämpfen ihr 
mehr oder minder lautes Lachen und Sprechen. 
Walter Sylt hat die Absicht, dir Kantine ver 
größern und draußen kleine Balkons anbringen 
zu lassen. Sein unbekannter Begleiter ist der 
Architekt, der die Pläne für den Umbau machen 
soll und dessen Besuch zufälligerweise in die Tisch 
zeit gefallen ist. Sonst kommt Sylt nie während 
der Mittagszeit in den Eßraum, da er fühlt, daß 
dieser Formel in dem künftigen Kraftfahrzeugsteuer 
gesetz erscheint deshalb notwendig. Ganz abwegig aber 
ist der Gedanke, die Kraftfahrzeugfteuer ganz oder teil 
weise durch eine Vetriebsstoffsteuer zu ersetzen. 
1. ) Die Befürworter der Betrieüsstoffsteuer find 
nch darüber durchaus unklar, welche Erhöhungen der 
Betriebsstoffpreise eine solche Steuer zur Folge hätte. 
Nach eingehenden angestellten Berechnungen würde 
unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Steigerung 
des Automobilverkehrs und damit des Betriebsstoff- 
konsums eins Preiserhöhung auf Betriebsstoffe in 
außerordentlicher Höhe die notwendige Folge sein. 
Man kann diese Preiserhöhung jedenfalls bis auf 50 
Proz. des normalen Preises schätzen, so daß der Be 
triebsstoff einen Preis erreichen würde, der für die 
Konsumenten untragbar wäre. 
2. ) Die Betriebsftoffsteuer würde ferner eine ganz 
wesentliche Mehrbelastung der Lastkraftwagen gegen 
über dem Personenkraftwagen zur Folge haben. Denn 
der Betriebsstoffverbrauch der Lastkraftwagen ist un 
verhältnismäßig größer als bei den Personenkraft 
wagen. Alle diejenigen Industrien und Verbraucher- 
kreise, welche an dem Vau und der Benutzung von Last 
kraftwagen interessiert sind, müssen sich daher darüber 
klar werden, daß die Hauptlast einer Vetriebsftoff- 
steuer von den Personenkraftwagen auf die Lastkraft 
wagen abgewälzt werden würde. In den Kreisen von 
Lastkraftwagen-Interessenten bereits angestellte Be 
rechnungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß die 
weitere Ausbreitung des Lastkraftwagenverkehrs im 
Falle einer erneuten Sonderüelastung durch die Be- 
triebsstoffsteuer entscheidend gehemmt werden könnte. 
3. ) Bisher hat man darauf hingewiesen, daß das 
jetzige Kraftfahrzeugsteuergesetz zu einem unzweckmäßi 
gen Bau der Motoren lediglich ans steuerlichen Grün 
den verleitet habe. Aber auch eine Vetriebsstoffsteuer 
kann zu unzweckmäßigen Formen des Motorenbaues 
verleiten, wenn man aus steuerlichen Gründen den 
Motorenbau lediglich auf einen geringeren Vetriebs- 
ftoffverürauch abstellt. 
4. ) Bor allem aber ist die Betriebsstoffsteuer bei 
näherer Prüfung steuertechmsth völlig undurchführbar. 
Die Einführung einer Betriebsstoffsteuer müßte 
ein umfangreiches Steuerkontrollfystem heraufbeschwö 
ren, das sich nicht nur auf die Besitzer eines Pcrsonen- 
oder Lastkraftwagens, sondern auch auf die Earagen- 
und Tankstellenbesitzer erstrecken würde. Es unterliegt 
steuerlich den größten Bedenken, alle an Betriebsstoffen 
interessierten Kreise einer ständigen, lästigen Steuer 
kontroll« zu unterwerfen. Eine starke Steuerkontrolle 
würd; aber unvermeidlich fein, weil sonst die Gefahr 
von Hinterziehungen zu groß fein würde! 
Hierzu kommen weiterhin bezüglich der technischen 
Durchführung einer Vetriebsstoffsteuer folgende Ge 
sichtspunkte: 
a) Der Begriff des Betriebsstoffes ist technisch 
nicht einwandfrei zu umschreiben, weil die verschieden 
artigsten Stoffe als Betriebsstoff Verwendung finden 
können. Zu den motorischen Kräften, die als Auto- 
mobilüetriebsstoff in Betracht kommen, gehört u. a. 
auch die Elektrizität. Ferner kommen in Betracht: 
Easöl, Schieferöls, Torfole, Braunkohlen- oder Stein- 
kohlenteeröle, Spiritus usw. Die im Verkehr üblichen 
Gemische aus den verschiedensten Stoffen zum Antrieb 
der Automobile sind steuertechnisch überhaupt nicht 
ordnungsmäßig zu erfaßen. 
d) Ferner werden die als Betriebsstoff für Per 
sonen- und Lastkraftwagen verwendeten Stoffe zu den 
verschiedensten anderen Zwecken benutzt, so z. B. in 
chemischen Wäschereien, Färbereien, Lackfabriken, Far 
benfabriken, Gummifabriken, Knochenleimfabriken, für 
Bergwerkslampen, in Eafolinanlagen für die Lichtbe 
reitung, Wachstuchfabriken, Tapetenfabriken, Stickstoff- 
düngerfabriken, bei der Farbenherstellung, in Benzol- 
lokomotiven, usw. usw. Hierzu kommt die Verwen- 
feine Gegenwart auf die Angestellten beengend 
wirkt. 
Unter ihnen befindet sich eine ganze Anzahl, 
die ihren „obersten Chef", um mit Putti ErNhl zu 
sprechen, bisher überhaupt noch nicht gesehen hat. 
Auch Gertie Schröder guckt. Neben dem kleinen 
rundlichen Direktor Sundhagen mit der spiegeln 
den Glatze und dem ältlichen Architekten mit der 
schlechten Haltung nimmt sich Walter Sylts ele 
gante Figur doppelt vorteihaft aus. Sein Gesicht 
trägt Spuren von Müdigkeit. Er hat in den letz 
ten Tagen viel zu arbeiten gehabt. 
Direktor Sundhagen sieht die drei Mädchen 
und sagt schmunzelnd ein paar leise Worte zu 
Walter Sylt, mit denr er privat auf vertrautem 
Fuß steht. Sylt wendet kaum merklich den Kopf 
und sieht flüchtig, halb mechanisch, herüber, nur 
für einen Augenblick. Gertie Schröder errötet 
leicht. Si« w«itz instinktiv, daß „der alte Affe" 
Sundhagen Walter Sylt auf sie aufmerksam ge 
macht hat, und sie fühlt mit der zornigen Scham 
der Unterlegenen, daß sie keinen Eindruck auf 
Walter Sylt gemacht hat. Sie versteht sich auf 
Männerblicke. 
Und «ben diese vollkommene Gleichgültigkeit 
Walter Sylts reizte sie. Tenn sie ist gewohnt, daß 
sie auffällt, und sie weiß, daß sie im ganzen Haufe 
nur „die blonde Schönheit von Wachter u. Sylt" 
heißt. Der Blick ihrer schmachtenden, wirklich 
schönen dunkelbewimperten Blauaugen übt einen 
seltsamen Zauber aus, und sie hat die Macht ihrer 
Blicke schon oft erprobt. Biel zu oft sogar. Spöt 
tisch verzieht sie die Mundwinkel, gibt ihrer Kaf 
feetasse «inen Stoß, die drei Herren haben soeben 
durch den anderen Ausgang den Raum verlassen 
— und sagt entrüstet: „Solche Brühe kriegt man 
hier vorgesetzt. Und das soll ein anständiger 
Mensch trinken!" 
„Du mußt ja nicht", sagt die Putti, „wer 
zwingt dich eigentlich?" 
Dorchen Miszkoskis Gedanken halten sich noch 
bei Walter Sylt auf. „Wie gefällt er dir?" fragt 
sie neugierig. 
„Wer? Ach W. S.? Gott, was ist schon dran 
an ihm?" Gertie zuckt gelangweilt die hübschen 
Achseln. 
„Tu doch nicht so, er ist doch wahnsinnig schick!" 
Dorchen ist erstaunt. Für sie bedeuten „Schicksein" 
das höchste menschliche Verdienst und das erstre 
benswerteste Ideal. 
„Ph, meinst du vielleicht, ich Habs noch keinen 
dung von Spiritus zu allen möglichen sonstigen chemi 
schen und technischen Zwecken. Schon diese Erwägun 
gen und der Umstand, daß die Verwendung von Be 
triebsstoffen zu Flugzeugmotoren und für den Mo 
torenbau ebenfalls steuerfreu bleiben müßte, beschwö 
ren ein steuertechnisch überaus konpliziertes Freigabe- 
system herauf, daß für alle beteiligten Kreise der In- 
ouļtrxc, des Handels und des Verkehrs überaus lästig 
ware. ö 
c) Endlich würden die Erhcbungskosten bei einer 
technisch so sg)wer durchführbaren Steuer ganz unver 
hältnismäßig große fein. Bei diesen Kosten dürfen 
"'chtnur die Kosten der Steuererhebung als solche in 
Rücksicht gezogen werden, vielmehr ist hierbei auch die 
Notwendigkeit der Aufrichtung eines umfangreichen 
und lästigen Kontrollsystems in Betracht zu ziehen 
durch welches alle irgendwie an Veiriebsstoffen mittel 
bar oder unmittelbar interessierten Industrien oder 
Handelsorganisationen betroffen werden würden. 
. Nach^ alledem würde die Einführung einer' Ve- 
tneosstoffsteuer sowohl vom allgemeinwirtschaftlichen 
un ,V, r steuertechnischen Standpunkt unzweckmäßig und 
gefährlich sein, wie auch den Interessen der verschieden 
sten Zweige von Industrie und Handel, sowie der Ver- 
braucherkrehe zuwiderlaufen. 
Aleîne îMLreîlungen. 
Peinliches Erlebnis eines Motorradfahrers. 
Einem süddeutschen Motorradfahrer passierte 
vor kurzen: ein Erlebnis, das leicht die unange 
nehmsten Folgen hätte haben können. Dieser war 
nach Nürnberg gefahren und hatte dort für eine 
elektrische Batterie Säure eingekauft. Diese Flasche 
steckte er in eine Tasche feines Jacketts, während 
sich feine Lederjoppe darüber befand. 
Unterwegs zerbrach die Flasche, was der Mo. 
tarradfahrer jedoch nicht merkte und setzte natür 
lich die Kleidung in Brand. Bei dem scharfen 
Wind merkte der Motorradler aber garnicht, daß 
seine Kleidung bereits in Brand übergegangen 
war, sondern fuhr unter Zurücklassung einer 
Rauchsäule unentwegt seinem Heimatorte zu. 
Glücklicherweise fuhr zufällig ein anderer 
Motorradfahrer die gleiche Strecke und bemerkte 
den Sachverhalt. Um ihn aufmerksam zu machen, 
gab er fortgesetzt Hupensignale ab, die jedoch nur 
die Wirkung hatten, daß der vordere Fahrer, in 
der Meinung, es wolle ihn jemand überholen^noch 
mehr Gas gab. So blieb dem zweiten Fahrer 
nichts übrig, als aus seiner Maschine das letzte 
herauszuholen, um seinen Vordermann vor der 
großen Gefahr zu warnen. 
Schließlich hatte er ihn auch eingeholt und 
als er mit ihm auf gleicher Höhe war, konnte er 
ihm denn endlich zurufen, daß er im Begriffe sei, 
bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Glücklicher» 
weife verließ den Bedrohten die Geistesgegenwart 
nicht, er bremste sofort und kaum angehalten, warf 
er sich in den neben der Chaussee herlaufenden 
Wassergraben. So ging die Geschichte denn noch 
eben glimpflich ab. 
Verantwortlich: Karl Müller. Rendsburg. 
Freund gehabt, der ebenso schick war?" Sie spielt 
die Ueberlegene. „Ihr kleinen Küken, wenn ihr 
meine Erfahrung besäßet!" Und sie beginnt zu 
schwadronieren. Von dem Grafen, der sie leiden» 
fchaftlich liebte, als sie fünfzehn Jahre alt war 
und der sie sicher entführt hätte, wäre nicht des 
Staatsanwalts Schatten drohend im Hintergrund 
gestanden. Dorchen und Putti seufzen, wenn sie 
Gerties Erzählungen auch mit heimlichem Skepti 
zismus gegenüberstehen. Aber es wäre doch schön, 
wenn es wahr wäre. 
Da fällt Gerties Blick auf die Uhr. „Himmel, 
ich muß runter. Es ist schon dreiviertel, di« Neu 
feld wird wieder einen schönen Tanz hermachen! 
Mahlzeit, Kinder!" Und weg ist sie. 
Sie hört es nicht mehr, daß ihre gute Freun 
din Dorchen kichernd zu ihrer ebenso guten Freun 
din Putti äußert: „Die Gertie soll sich nur nicht so 
aufblasen! Wenn Sylt sie einmal nett angucken 
möchte, würde sie bis an die Decke vor Freude 
springen!" Dabei ahnt Dorchen nicht einmal, wie 
nahe sie der Wahrheit mit ihrer liebenswürdigen 
Bemerkung kommt. 
Fräulein Neufeld machte indes keinen Tanz 
her. Man hat sich noch nicht richtig zur Arbeit 
entschließen können, denn Fräulein Neufeld hat 
die interessante und aufregende Nachricht gebracht, 
daß Frank T. Nomen von der Rowen Oil Com 
pany, der Sohil des Begründers der Gesellschaft, 
vor zehn Minuten überraschend angekommen sei, 
um die Verhandlungen zu beschleunigen und zum 
endgültigen Abschluß zu bringen. Fräulein Neu 
feld hat ihn gesehen und wird nun mit Fragen 
bestürmt. 
Wie er aussehe? 
Sehr gut, glattrasiert, richtiger Sportstyp. 
Wie er angezogen fei? Sehr elegant natür 
lich? 
Ein Hohnlachen ergießt sich über die Fragerin. 
Ob sie sich einbilde, daß ein siebzigfacher Dollar- 
millionär wie Mr. Rowen feine Garderobe in ei 
nem Abzahlungsgeschäft von der Stange kaufe? 
Fräulein Neufeld muß lächeln. Nein, von 
aufregender Eleganz kann nicht die Rede sein. Mr. 
Rmven mache einen durchaus unauffälligen Ein 
druck. Auf seinem Rücken befinde sich kein Schild 
„Achtung! Ein Besitzer von siebzig Millionen 
Dollars!" 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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