Full text: Johann Heinrich Voß (Teil 1)

»»ternkorf . 
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diese die Brautleute überraschen sollten . Nun gab es einen äußerst ge - schwätzigen Barbier , der ein naher Vetter des Bräutigams und also Hochzeitsgast war . Dieser hatte das zierlich gedruckte Gedicht beim Buch - binder gesehn , und voll von seiner Entdeckung kam er zu Voß , die Freude rühmend , die es allen Gästen machen würde . Aber Voß behandelte die Sache gegen sein Erwarten ernsthaft . Er stellte ihm vor , daß . da er etwas zu verschweigen nicht imstande sei , nur unter zwei Dingen die Wahl bleibe : entweder das Hochzeitsgedicht müsse verbrannt werden , oder er sich in unserm Hause Stubenarrest gefallen lassen , bis die Minder mit dem Gedicht hingeschickt wären . Da hals nun kein Bitten und sprechen . das ansgesprochene Urteil stand fest . Mit glühendem Gesicht wählte er endlich das letztere , und Voß schloß ihn selber ein . und be - freite ihn auch wieder , als die Stunde der Erlösung kam . Demütig bat er nun , die Sache nicht bekannt zu machen , aber er selbst war der erste , der sie überall erzählte und so vielen Ltoss zum Lachen gab — — . 
Aus Mecklenburg hatten wir bis Pfingsten leidlich gute Nachrichten erhalten , Für die Mutler war vorläufig gesorgt ; indessen erkannten wir es bald für das Zweckmäßigste , sie nicht dort zu lassen , und da sie selber nicht abgeneigt war . zu uns zu ziehen , schrieb ihr Voß im Dezember : 
„ Ich vereinige meine Bitten mit den Bitten Ihrer Tochter , daß Sie uns die Freude nicht versagen , Ihre alten Tage bei uns zuzubringen . Wissen Sie noch , daß dies immer unser Gespräch des Abends hinter dein £ sc» war , wenn der liebe Gott uns einen traurigen Tag geschickt hatte , daß ich dann als ein kleiner Junge Projekte machte , Prediger , Kann - gießer oder Buchbinder zu werden , und daß Sie dann bei mir zieh» , und meine Kinder warten sollten ? Jetzt habe ich Gottlob mein Brot , und wohne hier sehr angenehm und vergnügt . Wie könnte ich's denn vor Gott verantworten , wenn ich meine alte Mutter , die mich gesäugt und zur Gottesfurcht angehalten hat , in der traurigen Einsamkeit und im Mangel sitzen ließe ? Kommen Sie , liebe Mutter , Sie sollen's hier gut haben , völlige Freiheit zu lhun und zu lassen , was Sie wollen , und ver - gnügte Gesichter . Ernestine wird Sie auf den Händen tragen , und Fritz wird Ihnen entgegenlachen . Schreiben Sie mir ja recht bald , ob Sie unfre Bitte erfüllen wollen . Sie würden uns sehr betrüben , wenn Sie'S nicht thäten . Grüßen Sie unsre Freunde und Nachbarn von Ihren» einzigen Sohn . " 
Die Mutter war mit allem zufrieden , und unsere Bedenklichkeit , daß sie sich nicht aus der Nähe der kränkelnden Tochter entfernen dürfe , wurde durch die Versicherung widerlegt , daß diese Kränklichkeit nur eine vorüber - gehende sei . Gegen Ende Septembers kam sie bei uns an , heiter und rüstig . Voß ward gleich sehr niedergeschlagen , als sie ihm den Zustand seiner Schwester schilderte , welcher auf eine unheilbare Auszehrung
	        
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